Schweigen ist nicht immer Gold. Silber ist nicht immer einfach.
In Chemnitz und anderen Städten werden Menschen aufgrund ihres äußerlichen Erscheinungsbildes verfolgt und zusammengeschlagen, die AFD und ihre rechtspopulistischen Überzeugungen finden in der Bevölkerung eifrige Befürworter, die Stimmung im Land verändert sich. Nicht erst seit gestern und nicht erst seit Chemnitz. Nicht erst seit der Erfindung von Kommentarspalten im Internet und nicht erst seit medial wieder mehr über Rassismus berichtet wird.
Vier Jahre ist es her, seit im Herbst 2014 die ersten Pegida-Demonstranten bei ihrem wöchentlichen "Abendspaziergang" über die Straßen Dresdens zogen, um ihre völkischen Parolen zu skandieren. Seither ist einiges passiert. Mittlerweile sitzt die AFD im Bundestag. Mit einer Alice Weidel und einem Alexander Gauland. Mittlerweile brennen immer wieder Flüchtlingsheime. Manches, was mir vor vier Jahren noch undenkbar schien, ist heute traurige Realität. Irgendwie laut und schreiend - irgendwie aber auch schleichend und unbemerkt fühlt er sich an, dieser gruselige Rechtsruck.
Während ich mich in den letzten Wochen immer wieder mit rassismuskritischen Stimmen in Social Media und Büchern befasse, fühle ich mich oft ertappt.
"Ein popkulturelles Konzert gegen Rechts reicht nicht. Es braucht täglich und überall Protest" finden viele Aktivistinnen, während 65.000 Menschen in Chemnitz unter dem Hashtag #wirsindmehr für ein buntes und tolerantes Miteinander feiernd auf die Straße gehen.
Ich habe es nicht einmal bis Chemnitz zum Party-Protest geschafft. Und auch ich glaube, dass die Teilnahme an zwei, drei Warnsignal-Demonstrationen nicht reicht, wenngleich ich sie für sinnvolle Zeichen halte.
Viel mehr aber beschäftigt mich die Frage, wie täglicher Aktivismus in der Praxis wohl aussehen mag. Denn auch ich predige mir selbst seit mindestens 2014, dass es an der Zeit ist, endlich etwas zu tun.
Wenn ich ehrlich bin, ist seitdem allerdings äußerst wenig passiert. Meist bleibt es bei angeregten Debatten im eigenen Freundeskreis. Hier wird meine Wut verstanden, hier werden meine Ängste geteilt.
Manchmal - und ehrlich gesagt viel zu häufig - aber finde ich mich im Alltag in Situationen wieder, in denen ich mit rassistischen und menschenverachtenden Positionen konfrontiert werde. Dann befinde ich mich außerhalb meiner linken Freundeskreis-Blase und bin plötzlich gefordert, auf beiläufig eingeworfenen Rassismus zu reagieren.
Der Handlungsverlauf gestaltet sich meist ähnlich: Ich bin überrascht und fassungslos, plötzlich wie versteinert. Lächle, obwohl ich wütend bin. Schweige, obwohl ich innerlich platzen könnte. Aus Angst vor der Konfrontation. Aus Angst vor rücksichtslosen Blicken und Kommentaren. Aus Angst überlasse ich Menschen, die ihr rassistisches Gedankengut lautstark oder beiläufig verbreiten die Bühne.
Jedes Mal ärgere ich mich im Nachhinein darüber, wieder nichts gesagt zu haben. Jedes Mal gelobe ich mir Besserung.
Heute habe ich beschlossen, ein paar dieser Situationen festzuhalten.
Um mich selbst daran zu erinnern, dass es genau jene Momente sind, in denen Rassismus beginnt, salonfähig zu werden. Aber auch, weil ich weiß, dass ich nicht die Einzige bin, die eigentlich laut sein will und trotzdem schweigt.
Aus dem Stegreif kommen mir drei Momentaufnahmen in den Sinn:
1. Situation:
Zwei durchschnittsdeutsche Pärchen sitzen vor mir im Flixbus von Kiel nach Hamburg. Bereits bevor der Bus losrollt knallt der erste Korken. Mit zwei Flaschen Sekt, lautem Gelächter und einer großen Portion geschmackloser Kommentare verwandeln sie die knapp zweistündige Fahrt im Handumdrehen in eine nervraubende Tortur. Bei einem Zwischenhalt in Kaltenkirchen hoffen die vier Passagiere auf eine Raucherpause. Zu früh gefreut. Der Stopp zwischen Neumünster und Hamburg soll ausschließlich dem Ein- und Ausstieg der weiteren Mitfahrer und Mitfahrerinnen dienen. Während der Busfahrer vor dem Fahrzeug steht, um die Zusteiger in Empfang zu nehmen, zündet er sich eine Zigarette an. Ein großer Fehler, finden die vier Menschen vor mir. Wie kann es sein, dass ihnen die Nikotinpause verwehrt wird, während der Flixbusfahrer auch nach dem Einstieg der wenigen Neuankömmlinge in aller Seelenruhe seine Kippe zu Ende raucht?
Als der Mann ans Steuer zurückkehrt, lässt die wütende Meute nicht lange auf sich warten. Eine undenkbare Frechheit sei es, dass er sich die Freiheit für eine Raucherpause herausnehme, die er dem Rest nicht zugestehe. Dass zwischen dem Fahrer und uns ein Vorhang hängt, hält die Gruppe nicht davon ab, ihn wüst zu beschimpfen. Im Gegenteil - womöglich erleichtert es die Hasstirade gar, sich nicht in die Augen blicken zu müssen.
Es beginnt mit dem Vorwurf, der Fahrer mache seinen Job nicht gut. Es endet mit der lautstarken Aussage, der Fahrer mit dem russischen Akzent solle in seine Heimat zurückkehren - schließlich gäbe es ausreichend Deutsche, die seinen Arbeitsplatz liebend gerne inne hätten und den Job wesentlich besser ausführen würden als er.
Vier erwachsene Männer und Frauen, die ihre rassistischen Überzeugungen durch den gesamten Bus brüllen.
Alle anderen bleiben still. Auch ich. Schweige und bin fassungslos.
Ärgere mich im Nachhinein unheimlich über mich selbst, weil ich es einfach geschehen ließ. Aus Angst vor rollenden Augen und einem aggressiven Kommentar überlasse ich den zwei Pärchen und ihren menschenverachtenden Gedanken die Bühne.
2. Situation:
Während meiner Studienzeit in Kiel arbeitete ich hin und wieder für einen Personaldienstleister in einem Freizeitpark am Ostseestrand. Fünfzig Kilometer von der Landeshauptstadt Schleswig-Holsteins entfernt, ziemlich irgendwo im Nirgendwo. Ständig herrscht Personalmangel für die zahlreichen Touristenattraktionen. Zwischen subtropischem Badeparadies und Dschungelland arbeite ich als Kellnerin in einem Restaurant. Zwischen 300-800 Gäste nehmen hier je nach Saison ihr Abendessen ein. Massenabfertigung des Grauens. Es gibt Buffet im All-inclusive-Paket. Nur für die Getränke muss gesondert gezahlt werden. Aus ganz Deutschland kommen die Besucher, um eine Woche in einem veralteten Appartementkomplex ihren Urlaub zu verbringen. Mal als organisierte Seniorenreisegruppe aus dem Osten, mal als fünfköpfige Familie aus Bayern. Der überwiegende Großteil der Besucher und Besucherinnen ist weiß und deutschsprachig.
Rassismus begegnet mir hier ständig. Da ist die Mitarbeiterin, die unsere zwei Kolleginnen aus Kamerun konsequent mit dem N-Wort betitelt. Als ich sie bitte, diesen Ausdruck zu unterlassen erklärt sie mir aus voller Überzeugung, der Begriff sei nicht rassistisch, sondern lediglich eine neutrale Zustandsbeschreibung.
Aus der arabischsprachigen Jugendgruppe, die eine Woche zwischen all den weißen Familien, Omis und Opis zu Abend isst, werden bei einer weiteren Kollegin "die Türken, bei denen man nie wissen könne, ob sie vielleicht eine Bombe unter ihrem Tisch verstecken würden".
Witze, Kommentare, Randbemerkungen. Sie fallen in kurzen Sätzen, unbemerkt - nahezu lautlos und doch so aufdringlich. Mal dahergenuschelt, mal laut herausposaunt. Und wieder schweige ich. Weil so viele Wochen folgen, in denen wir zusammen arbeiten werden. In denen ich mich weiterhin oberflächlich gut mit meiner Kollegin verstehen will, wenngleich ich ihr innerlich zutiefst widerspreche. Wieder überlasse ich unreflektiertem rassistischem Gedankengut die Bühne. Profitiere von meinen Privilegien als weiße Frau, die nicht grundlos mit rassistischen Bezeichnungen betitelt wird. Die nicht mir nichts dir nichts als potentielle Terroristin vorverurteilt wird.
3. Situation:
In diesen Tagen arbeite ich wieder als Kellnerin, dieses Mal in der gehobenen Systemgastronomie. Eine Kombination aus Bäckerei und Restaurant. Die Produkte hochwertig und frisch, die Preise entsprechend hoch. Nur selten gibt sich hier der kleine Mann die Klinke in die Hand. Um es politisch völlig inkorrekt und verallgemeinernd auszudrücken: Während Jenny und Enrico Urlaub am Ostseestrand machen, trifft sich hier die gehobene Mittel- und Oberschicht, die gerne unter sich bleibt. Dafür zahlt man dann auch gern vier Euro für einen Cappuccino. Rassismus und Ausgrenzung bleiben einem auch hier nicht erspart.
Eines Nachmittags setzt sich eine Dame zu mir an die Bar. Sie bestellt ein Stück Kuchen und eine Tasse Kaffee. Schnell stellt sich heraus, dass sie den Laden bereits seit langer Zeit besucht und das Personal der letzten Jahre kennt.
"Ich hoffe, sie bleiben dem Laden noch lange Zeit erhalten", sagt sie plötzlich. Ich fühle mich geschmeichelt und bedanke mich freundlich. "Man sieht Ihnen an, dass sie aus gutem Elternhaus kommen - und das ist wirklich selten geworden heutzutage." Ich lächle freundlich, vielleicht auch ein wenig ratlos. Was antwortet man nur auf diese "Früher war alles besser Floskeln"? Ich weiß es nicht.
"Es gab eine Zeit", fährt sie fort, "da wollte man schon gar nicht mehr hier hinkommen! Da gab es so eine Kellnerin - eine Ausländerin war das - da hat mein Mann immer gesagt man könne ihr kaum bei der Arbeit zusehen, wie sie in ihren Lumpen herumgelaufen ist! Das konnte man wirklich kaum mit ansehen!".
Schon wieder bin ich sprachlos. Mit einer einzigen Nebenbemerkung ist alle Schmeichelei verflogen. Irgendwie hat sie es geschafft, ihren Rassismus als Kompliment zu kaschieren. Und wieder schweige ich. Schaffe es nicht mal zu fragen, wo der Zusammenhang zwischen "Ausländerin" - "Lumpen" und "schlechter Arbeit" läge. Lasse ihre Aussage im Raum stehen und bin erleichtert, als sich die Tür hinter ihr schließt.
Ein kurzer Moment, der keinen Unterschied zu machen scheint.
Ein kurzer Moment, der keinen Unterschied zu machen scheint.
Und doch gelange ich immer mehr zu der Einsicht, dass es genau diese kleinen Momente sind, die einen Unterschied machen. Mit gut organisierten, grölenden Nazis auf öffentlichen Demonstrationen fängt es nicht an. Sie sind die Spitze des Eisberges, nicht der Berg. Sie sind bedrohlich, medienwirksam, besorgniserregend. Aber sie sind nicht der Anfang. Am Anfang stehen die kleinen Randbemerkungen. Unauffällige Spitzen, die beiläufig eingeworfen werden und den Raum Stück für Stück verändern. Die eine plötzliche Kälte verursachen und Intoleranz unbemerkt salonfähig werden lassen.
Von einer anderen Kundin wird mir berichtet, sie habe sich nicht von einem unserer Mitarbeiter bedienen lassen, weil ihr seine Hautfarbe nicht passt. Anstatt ihr Hausverbot zu erteilen, wird sie schlichtweg von einer anderen Kollegin bedient. Ganz nach ihren ausgrenzenden Sonderwünschen.
4. Situation
Im Keller des eben erwähnten Ladens befindet sich der Kühlraum für Getränke und Lebensmittel. Um dorthin zu gelangen muss man durch einige dunkle und unübersichtliche Gänge laufen. Ein Spaziergang zu den Kaffee- und Milchreserven fühlt sich meist an wie die Besichtigung eines geeigneten Schauplatzes für Horrorfilme.
"Dieser Keller ist einfach gruselig", sage ich zu meinen Kolleginnen, als ich mit einem großen Karton mit Milch und Limonaden zurückkehre. Sie stimmen mir zu und eine der beiden fügt hinzu: "Besonders gruselig war es, als wir noch diesen Mitarbeiter hatten - ein Moslem - der mir dort ein Mal begegnete, als er in einer Ecke kniete und betete. Da wusste ich gar nicht, wie mir geschah."
Wieder einmal nicke ich nur gedankenverloren mit dem Kopf, bevor ich mich wieder an den nächsten Kunden wende und zurück ins Tagesgeschäft verschwinde.
Kommentarlos. Die letzte Momentaufnahme mag sich von den anderen unterscheiden, weil die Bemerkung meiner Kollegin eher ängstlich und unwissend als hasserfüllt auf mich wirkte. Und dennoch hätte ich jede Möglichkeit der Welt gehabt sie zu fragen, weshalb das Bild eines Betenden so viel Angst in ihr auslöst.
Mich gruselt vor allem, dass sie augenscheinlich ganz natürlich davon ausging, dass ich ihre Sorge für begründet halten würde. Dass die bewusste Abgrenzung von einem betenden Muslim uns in irgendeiner Form miteinander verbinden könnte.
Häufig kommen mir rassistische Überzeugungen zu Ohren, während kein Mensch im Raum ist, der vom Rassismus direkt betroffen ist. Manchmal beruhigt es mein Gewissen, dass in solchen Momenten zumindest niemand direkten Schaden zu nehmen scheint. Je häufiger mir jedoch vergleichbare Situationen begegnen, desto mehr wird mir bewusst: Es spielt überhaupt keine Rolle, ob ein Betroffener oder eine Betroffene anwesend ist. Mit jeder einzelnen beiläufigen Phrase - ob getarnt oder ganz offensichtlich rassistisch - wird unserer Gesellschaft Schaden zugefügt.
Wenn es mehr Überwindung kostet, sich eindeutig rassistischen Überzeugungen lautstark in den Weg zu stellen, als sie in einem Nebensatz herauszuposaunen - dann liegt die Diskurshoheit eindeutig in den falschen Händen.
Eine Handvoll niedergeschriebene Momentaufnahmen garantieren nicht, dass ich nie wieder versteinert und stumm auf Rassismus reagieren werde. Schön wär's, wenn es so einfach wäre.
Vielleicht aber ist es ein erster Schritt, mich aus meiner gefühlten Ohnmacht zu befreien. Ich bin umgeben von Aufrufen zu mehr Aktivismus, zu mehr Widerstand und lautstarkem Protest. In Social Media Postings, Büchern, Zeitungsartikeln. Auf mich haben jene Aufrufe eine irgendwie widersprüchliche Wirkung: Sie inspirieren und lähmen mich zugleich.
Denn wenn ich sehe und lese, wie aktiv und lautstark sich andere ungeachtet unangenehmer Konfrontationsmomente gegen Rassismus positionieren, fühlt sich mein Schweigen noch unrichtiger an.
Dies ist für all jene, die noch nicht so weit sind. Die sich im Nachhinein ärgern, wieder nichts gesagt zu haben. Die aufstehen wollen, und trotzdem zu oft sitzen bleiben. Die den Konflikt fürchten, obwohl es das Gegenüber ist, der den Konflikt fürchten sollte.
Mein Gefühl sagt mir, dass wir ziemlich viele sind.
Zum Schluss ein Track von einem, der gerne laut ist und der es verdient hat, mehr gehört zu werden.
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